Balancismus

Viele Menschen vor allem in Nordamerika und in Europa durften in Jahrzehnten eines ausgeprägten Wirtschaftswachstums und materiellen Wohlstands aufwachsen und haben die Vorzüge eines Lebens in Wohlstand und Luxus intensiv erlebt und sicherlich zuweilen auch zu schätzen gelernt. In einer Zeit, in der ressourcenintensive Lebensstile die Erde an die Grenze dessen bringen, was diese nachhaltig bereitzustellen vermag, und wir unseren global vernetzen Lebensraum überbeanspruchen, sind neue Lebensstile oder auch ein neues Lebensgefühl (vgl. auch https://sinnmacht.wordpress.com/2014/06/22/lebensgefuehl/) gefragt, das dem Menschen sein Glück verschafft, ohne die Erde auszubeuten. Hierbei wird es in besonderer Weise und aus mehreren Perspektiven darauf ankommen, Maß zu halten – als etwas, das uns bis zu einem gewissen Grade (manchmal auch in unerhörter Weise) abhanden gekommen ist. Es geht darum, die Dinge um uns herum und in uns wohlüberlegt und mit Augenmaß zu betrachten, zu handhaben und zu gestalten. Es gilt dabei vieles miteinander zu vereinbaren und in Balance zu bringen. Daher bietet sich für diese Perspektive auf unsere Welt der Begriff des Balancismus an, der mindestens in englischer Form („Balancism“) bereits in der Welt ist. Nun ist die Frage, was es in Balance zu bringen gibt? Hierfür bietet die nachfolgende Graphik eine mögliche Antwort an:

Balancism

Es geht in diesem als Anregung gedachten Bild also darum, …

  • unseren Körper durch Balance von Ernährung und Bewegung,
  • unser(en) Gehirn/Geist mittels Balance von Information und Denken,
  • unseren Besitz durch Balance realer Dinge im Zusammenhang mit der notwendigen Logistik,
  • unsere Beziehungen durch Balance mit Menschen und in der Kommunikation mit ihnen und
  • unsere Seele durch Balance von Zielen, Werten, Handlungen, … 

jeweils und ihrem Gesamtzusammenhang sowie bzgl. von Auswirkungen mit Blick auf natürliche Ressourcen, soziales Wohlergehen und Ökonomie in Balance zu bringen. Sicherlich ist dieses Modell nicht erschöpfend, denn man muss sich beispielsweise wohl auch fragen, wie man Wohnen möchte und welche Auswirkungen dies insbesondere auch mit Blick auf den Energieverbrauch hat; zugleich steht Wohnen mit anderen Bereichen in Beziehung (beispielsweise mit den Beziehungen, die man eingeht). Individuell mögen sich einzelne Bereiche auch anders darstellen; bspw. die im Zusammenhang mit Seele oben genannten Begriffs- und Bedeutungskategorien.

Ein Balancist kann in diesem Modell als jemand aufgefasst werden, der in und zwischen den Bereichen Körper (Ernährung/Bewegung), Geist (Informationen/Denken), Besitz (Dinge/Logistik), Beziehungen (Menschen/Kommunikation) und Seele (Ziele/Werte/Handeln/…) ein ausgewogenes Leben gestaltet. Diese fünf Bereiche können sich in besonderer Weise anbieten, um beispielsweise die Foren einer Community für Nachhaltigkeit hieran auszurichten (bspw. noch ergänzt um Wohnen/Energie), wobei mindestens der Gedanke der Balancierung diese Bereiche verbindet. Der Gedanke ‚Balance halten‘ verweist auch auf Grenzen der Akzeptanz zum Beispiel für:

  • Unternehmer, für die nur oder in nicht mehr nachvollziehbar übermäßiger Weise der Profit das Maß aller Dinge ist,
  • Politiker, für die nur oder in nicht mehr nachvollziehbar übermäßiger Weise die Wiederwahl das Maß aller Dinge ist,
  • Politiker/Verwaltungsbeamte, die gemeinsam einen Dschungel an Vorschriften wirksam werden lassen bzw. eine Auslegung dieser Vorschriften praktizieren, die eine Orientierung am Wohl von Mensch und Gemeinschaft nicht erkennen lassen,
  • Menschen, die sich nur oder in nicht mehr nachvollziehbar übermäßiger Weise für sich allein interessieren,

Diese Liste ließe sich sicher vielfältig weiter fortsetzen. Allein an dieser kurzen Liste ist zu erkennen, dass mit dem Balancismus der Aufruf verbunden ist, dass die Auswirkungen des eigenen Handelns mit Blick auf natürliche Ressourcen, soziales Wohlergehen und Ökonomie nicht zu Gunsten singulärer Ziele und ausgewählter – zuweilen individueller – Interessen ausgeblendet werden. In diesem Zusammenhang steht der folgende Filmtip:

3sat Kulturzeit: Entmystifiziert: Die Banken-Doku „Master Of The Universe“ vom 13.8.2013 from bauderfilm on Vimeo.

Etwas auszubalancieren ist ein Thema unserer Zeit und für die im Beitrag unter dem Link https://sinnmacht.wordpress.com/2014/07/14/lifestyle/ aufgezeigten Lebensstile aus ganz unterschiedlichen Perspektiven relevant (bspw. versuchen Minimalisten mit wenig Besitz auszukommen). Weitere Beispiele für ein ‚Balance halten‘ finden sich darin, dass deWit und Meyer Strategisches Management – im Rückgriff auf viele weitere Wissenschaftler – anhand von 10 Spannungsfeldern (insb. Logic vs. Creativity, Revolution vs. Evolution, Markets vs. Ressources, Competition vs. Cooperation, Control vs. Chaos usw.) beschreiben, im Rahmen derer durch die Unternehmensführung in der jeweils konkreten Situation eine Positionierung erfolgen bzw. eine Lösung gefunden werden sollte. Stellt man sich dieser Herausforderung nicht bewusst, so entsteht die Lösung quasi implizit durch die dann unbeeinflussten Geschehnisse. Hinzu kommen viele weitere Gegensätzlichkeiten, die im Führungsalltag eine Rolle spielen, wie bspw. Nähe vs. Distanz, Bewahren vs. Verändern, zentrale Steuerung vs. dezentrale Verantwortung, Individualität vs. Kollektivität u.v.m. In den Bewusstseinswissenschaften finden sich – hier als ein weiteres Beispiel – jüngst sogenannte Schattenkompetenzen (vgl. Abb. unten, blaue Felder) beschrieben, die in Verbindung mit Spanungsfeldern von Erfolg und Scheitern auftreten und mit Bewusstseinsqualitäten (vgl. Abb. unten, gelbe Felder) und Glück im Zusammenhang stehen.

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Quelle: aus einem Vortrag von Prof. Dr. T. Hinterberger protokolliert von J. Pflüger unter http://www.ibg.kit.edu/nmr/downloads/Protokoll_Thilo_Hinterberger.pdf

Menschen die sich hierin mittels Kompetenz und Bewusstsein weitestgehend unabhängig machen können (bspw. mit Fehlern ‚gut umgehen können‘ und diese als Möglichkeit zur Weiterentwicklung verstehen), können an Glück sowie an Freiraum/Souveränität gewinnen, was dann wiederum einen nachhaltigen Lebenstil begünstigen kann. Der Gedanke, dass es heute in besonderer Weise darauf ankommt, die Dinge ‚um uns herum‘ und ‚in uns selbst‘ ausgewogen zu betrachten und zu gestalten und ein hierzu gehöriges Bewusstsein aufzubauen, hat das Potenzial, verschiedene Konzepte und Menschen mit verschiedenen Lebensstilen zu verbinden, wenn nicht gar zu vereinen.

Verschiedene Sichtweisen und Perspektiven in Balance zu bringen ist mit Blick auf Überlegungen zur Nachhaltigkeit seit langem schon relevant. Dies gilt vor allem bzgl. einer Einbeziehung ökologischer, ökonomischer und sozialer Überlegungen (vgl. Sinnmacht-Siegel nachfolgend zweisprachig). Auch fühlt sich ein Einklang von Körper, Geist und Seele/Herz durchaus gut und richtig an.

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Für einen Weg in Richtung Nachhaltigkeit stehen heute vor allem drei Strategien zur Verfügung (Suffizienzstrategie, Konsistenzstrategie und Effizienzstrategie), die auch in Kombination miteinander eingesetzt werden können und dem Sustainability Action Framework zu Grunde liegen:

Sustainability Action Framework

Unter sinnmacht.wordpress.com/2014/04/06/sustainability-action-framework/ können die Grundlagen hierzu nachgelesen werden. Die Frage danach, was man als Mensch in seinem Leben wirklich braucht, nimmt hier eine zentrale Rolle ein, da die Befriedigung dieser Bedürfnisse letztlich den (ökologischen) Footprint bestimmen, wobei die Gestaltung von Kreisläufen und die Effizienz Einflussfaktoren darstellen. Aber, schon die Frage nach den eigenen Bedürfnissen geht mit einem ‚Balance halten‘ einher (bspw. ausgewogene Ernährung, Auswahl von Weihnachtsgeschenken, etc.) und wird im Modell daher mit Balancing Needs benannt.

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Über Ronald Deckert

Analytiker, Entdecker, Musiker
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6 Antworten zu Balancismus

  1. Leah schreibt:

    Reading this post, I am reminded of the writings of William Morris:
    „Have nothing in your houses that you do not know to be useful or believe to be beautiful“ and „simplicity of life, even the barest, is not a misery but the very foundation of refinement…“
    http://www.morrissociety.org

    • Ronald Deckert schreibt:

      Dear Leah, thank you very much for your comment. You point out some more than one hundred year old thoughts of William Morris, that are strongly related to the topic and that are in my opinion of outstanding importance these days. Herein things in our houses are proposed to make sense related to usefulness or beauty and we should be aware of the meaning these things have. And this is a kernel point related to balancism as proposed: Being aware of sense and meaning in some important areas of life and decide consciously about the right balances. One of theses balances could be quality of things (usefulness, beauty) vs. quantity of things. Best regards across the ocean 😉 Yours sincerely, Ronald

  2. Sager, Uli schreibt:

    Meine „Lieblingsbalance“ ist z. Zt. die von Wissen und Handeln. Wir wissen bereits sehr viel über Ungleichgewichte, Wachstumsgrenzen oder Preise, durch die die tatsächlichen Knappheiten nicht zum Ausdruck kommen. Wir kennen die Substantive, mit den Verben (den Tu!-Wörtern) haben wir noch gewisse Schwierigkeiten.

    Nun besteht ein Vorschlag darin, gemeinsam zu überlegen, Foren zu Themen aufzubauen oder Veranstaltungen zu organisieren. Einverstanden.
    Ohne zu wissen, ob es funktionieren kann, würde ich gern noch einen Vorschlag hinzunehmen, der sich auf das Netzwerken, genauer: auf das Netzwerklernen bezieht. Was bliebe denn auch anderes übrig, wenn Märkte oder Hierarchien nichts (oder zu wenig) zu Problemlösungen beitragen? Meine Vorstellung ist die, dass in lernenden Netzwerken besser als anderenorts die Kluft zwischen Wissen und Handeln überwunden werden kann. M. a. W.: Nicht nur Köpfe vernetzen oder Dinge, sondern auch Lernwege.

  3. Ronald Deckert schreibt:

    Hallo Uli, freut mich sehr, dass wir uns hier begegnen. Ich denke, es wäre gut, wenn die Vernetzung online und offline zugleich wachsen könnte. Würde mich sehr freuen, wenn wir hierzu mal „offline“ sprechen 😉 Beste Grüße, Ronald

  4. Sager, Uli schreibt:

    Das machen wir!

  5. Pingback: Chat zum Sonntag, No. 27 – Meyer&Meyer | FindingSustainia. Ideenfabrik.

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